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Textilindustrie und Design:
Kirsti Paakkanen hütet eine
Perle des Finnentums
MARIMEKKO GIBT´S NUR EINMAL
Der Ruf des Unternehmens übertrifft sein Größe,
sagt Kirsti Paakkanen, Eigentümerin und Geschäftsführerin
des Modehauses Marimekko. Das soll aber keineswegs bedeuten,
die Firma würde ihr weltweites Renommee nicht verdienen
- im Gegenteil. Marimekko erweckt Gefühle und vermag
von sich einen so menschlichen Eindruck zu vermitteln, dass
man das Unternehmen als Person zu betrachten beginnt. Gerade
jetzt, 52 Jahre nach der Gründung, durchlebt das Unternehmen
seine bisher erfolgreichste Zeit. Dennoch sagt Frau Paakkanen,
alles sei noch im Werden.
Betrachtet man die Geschäftsberichte, kommt man unweigerlich
zu dem Schluss: Der Firma geht´s gut. "Der Absatz
ist kräftig gestiegen, der Konzern weist ein glänzendes
Ergebnis aus, der Erfolg am finnischen Markt hat alle Erwartungen
übertroffen, und auch der Export läuft trotz der
misslichen Weltwirtschaftslage gut - überraschend gut.
Der Marktwert des Unternehmens hat sich fast verdoppelt, und
Marimekko klettert von Jahr zu Jahr höher auf der Erfolgsleiter."
"Marimekko durchlebt gegenwärtig seine wirtschaftlich,
schöpferisch und geistig bisher beste Zeit", bestätigt
Kirsti Paakkanen.
Als sie vor zwölf Jahren Marimekko erwarb, ging es der
Firma nicht so gut. Die neue Geschäftsführerin verstand
es jedoch, das Unternehmen wieder auf Erfolgskurs zu bringen
und die gesteckten Ziele satt zu erreichen. Die Produktplanung
erfuhr eine kräftige Entwicklung, die Stellung der Kreativen
eine Stärkung, das Marketing wurde ausgebaut, die Organisation
von Ballast befreit, die Effizienz der gesamten Tätigkeit
gesteigert und die Qualitätsüberwachung auf allen
Ebenen verschärft.
"Ich wollte sichere Arbeitsplätze schaffen. Unsere
Mitarbeiter haben seit je ein hohes Maß an Treue bewiesen,
bei Marimekko nimmt man nicht so leicht seinen Hut. In uns
steckt Power, wir haben das Unternehmen auf die Weltkarte
zurückgebracht, und das ist wichtig", unterstreicht
die Chefin.
Auch wenn Außenstehende Marimekko in hohem Grade mit
der Person der Geschäftsführerin gleichsetzen, so
spricht Kirsti Paakkanen doch immer in der Wir-Form. Die ihrem
Stil getreu fast immer in Schwarz, höchstens mal in Weiß
gekleidete und auch in ihrem Heim diese Farbtöne bevorzugende
Paakkanen wird oft gefragt, wie sie es denn aushalte, inmitten
einer Welt so kräftiger Stoffe und Farben zu wirken.
Wer wurde für wen geschaffen? Paakkanen für Marimekko
oder umgekehrt? Man sagt, wenn sich zwei ähneln, so äußert
sich das in den Werten und der Gesinnung. Marimekko und Paakkanen
passen einfach zusammen.
An erster Stelle steht Design
Jenen, die Marimekko nicht kennen, pflegt man die 1951 gegründete
Firma als Finnlands führendes Design-Unternehmen der
Textil- und Bekleidungsbranche vorzustellen. Die Gesellschaft
befasst sich mit Entwurf, Herstellung und Vermarktung hochwertiger
Kleidung und Heimtextilien unter dem Markennamen Marimekko.
Kreativität war von Anfang an die Triebfeder des Unternehmens.
Armi Ratia, die Gründerin der Firma, sagte, das eigentliche
Wesen von Marimekko seien nicht die Produkte, sondern die
schöpferische Kraft, aus der Ideen erwachsen, die sich
dann in Produkten manifestieren. Kirsti Paakkanen hat Design
und Kreation an die Spitze der Organisation gestellt; alle
anderen Abteilungen haben ihnen zu dienen.
"Ich bin der Ansicht, Marimekko hat die Aufgabe, das
finnische Design vital zu halten und in die Welt zu tragen.
Aus dem Design soll die Einzigartigkeit Finnlands ersichtlich
sein. Nirgendwo sonst in der Welt gibt es finnische Natur,
und zum Beispiel Druckmuster der Art wie wir sie liefern,
können eben nur in Finnland geschaffen werden."
Wie Frau Paakkanen versichert, hat Marimekko nie so hervorragende
Gestalter gehabt wie gerade jetzt. Wird ein neuer Designer
eingestellt, erklärt man ihm als erstes die Spielregeln
des Hauses, die Grundthesen der Chefin, danach hat er freie
Hand. Diese Regeln oder Thesen lassen sich mit ein paar Kernworten
charakterisieren: Emotionen, Achtung, Wahrheit, Begeisterung,
Disziplin, Belohnung, Gemeinschaftsgeist, Gesamtverantwortung
und Anteilnahme.
"Alle unsere Kreativen haben sich das Wesen von Marimekko
so zu Eigen gemacht, das ein Zurückkommen auf diese Regeln
nie erforderlich war."
Freude in den Alltag der Menschen bringen
Die Führungsphilosophie der Firmeninhaberin und -chefin
hat auch im Ausland Interesse erregt. Marimekko und die Marimekko-Geschäftsphilosophie
waren Gegenstand zahlreicher Studien. Auch Unternehmen zeigten
sich interessiert an den Ergebnissen des bei Marimekko verwirklichten
innovativen Marketing- und Organisationsdenkens.
Für ihre Tätigkeit ist Kirsti Paakkanen mehrfach
ausgezeichnet worden. So wurde ihr u.a. der Titel "Unternehmensrätin"
verliehen, und sie wurde zur Frau des Jahres, zur Geschäftsfrau
des Jahres und zur Unternehmerin des Jahres gewählt.
Im Jahr 2001 verlieh ihr die Hochschule für Kunst und
Design die Ehrendoktorwürde.
Kirsti Paakkanen lehrt, Marimekko sei ein Beispiel - und
hält sich auch selbst an das, was sie sagt. Sie begeistert,
fordert, entwickelt, sichert, verpflichtet sich, sucht nach
Neuem, anerkennt Tatsachen und sorgt im Übrigen dafür,
dass alle die Marschrichtung kennen. "Das Wichtigste
ist Respektierung des Kunden, der Mensch spielt stets die
Hauptrolle. Für uns gilt immer noch das, was schon für
Armi Ratia Leitgedanke war: Wir wollen Freude und Licht spenden,
wollen durch schöne, erstklassige Produkte Freude in
den Alltag der Menschen bringen."
Unternehmen = Leben
Zu dem humanen Charakter von Marimekko passt ein Motto der
Chefin, das lautet: Unternehmen gleich Leben. Sie vertritt
die Auffassung, es gebe zwei Arten von Menschen: Solche, die
ihre Arbeit verrichten, und solche, die ihre Arbeit leben.
Sie selbst gehört zu den Letzteren.
Marimekko hat einen abwechslungsreichen Werdegang mit Auf-
und Abstiegen hinter sich. Der Erfolg in den verschiedenen
Zeiten hing mit davon ab, wie gut Identität, Geschäftstätigkeit
und die daraus gebildeten Vorstellungen der Menschen mit der
Wirklichkeit in Einklang standen. Man hat in dieser Welt nie
ausgelernt, immer wieder gilt es sich anzupassen. Und wenn
Kirsti Paakkanen sagt: "Vor uns liegen noch viele ungenutzte
Möglichkeiten", so fügt sie doch gleich erklärend
hinzu: "Alles ist noch im Werden."
"Glück in meinem Leben, das habe ich immer als
Dankbarkeit definiert. Ich bin dankbar für die Augenblicke
und Dinge, die mir jeder Tag bringt. Auch dunkle Tage sind
wichtig, denn sie lassen die lichten Tage umso heller erscheinen."
Kirsti Paakkanen gebraucht Vokabeln, die kein bloßes
Wortgeklingel sind. Gerechtigkeit, Begeisterung, Anteilnahme,
Intuition, Respekt, Wissen, Gefühle, Kraft, Freude, Mut
- all das ist Paakkanen, ist Marimekko.
Jeder kennt Marimekko
Der Bekanntheitsgrad von Marimekko war für Kirsti Paakkanen
eine Überraschung. "Das breite Publikum kennt Marimekko
verblüffend gut - vor allem in Finnland, aber auch in
New York, Tokyo oder Madrid. Wir sind in der Welt eine Berühmtheit
wie man das von einem Unternehmen unserer Größe
eigentlich nicht erwartet. Im Jahr 2002 hatten wir 340 Beschäftigte
und machten einen Umsatz von knapp 50 Millionen Euro."
Wir erobern die Welt in aller Ruhe. Wir haben Jahr für
Jahr Wachstum erzielt und mit Bedacht neue Geschäfte
eröffnet. Die Eigenkapitalquote ist für uns wichtig,
auch zukünftig. Ein Vorpreschen gibt es für uns
nicht."
Marimekko betreibt in Finnland 25 Einzelhandelsgeschäfte,
in Stockholm ein weiteres. Neben Tochterfirmen in Schweden
und Deutschland sorgen auch Vertreter und Importeure in zwölf
Ländern und weltweit insgesamt 800 Einzelhändler
für Absatz. Der Exportanteil liegt bei 27 Prozent; Hauptabnehmer
sind Schweden, die USA, Deutschland, Japan, Russland und Norwegen.
Marimekko hat auch an eher ruhigen Märkten wie Australien,
Großbritannien und Spanien Erfolg.
Wie Armi Ratia - aber als Kirsti Paakkanen
Kirsti Paakkanen hegt große Wertschätzung für
Armi Ratia, die Firmengründerin. "Ihre Geschäftsidee
ist nach wie vor genial", bekennt sie. "Als ich
das Unternehmen erwarb, dachte ich viel über meine Rolle
nach. Wie sollte ich mich zu Armis geistigem Erbe stellen?
Zum Schluss wurde mir klar: Ich würde es wahren, würde
ihre Arbeit fortführen - auf meine Weise, als Kirsti
Paakkanen eben.
Schon in der ursprünglichen Geschäftsidee waren
starker Glaube an die Zukunft, freies Schöpfertum, Freudigkeit
und Kraft vereint. Die Ideen entspringen dem Alltag und der
Wirklichkeit des Lebens. Armi Ratia sagte 1978: "Marimekko,
das waren anfangs bedruckte Stoffe, weil sich gerade diese
Möglichkeit damals bot. Die Idee hätte aber ebenso
gut als Musik, Lyrik, Architektur oder sogar in Form einer
neuartigen Brotsorte, als Gewebe, Möbel, Keramik, Glas,
Schmuck, Auto, Blumenladen, Speiseeis oder Spielzeug ihren
Ausdruck finden können. Dessen sollte man sich immer
bewusst sein wenn man an die Zukunft - und die Gegenwart -
von Marimekko denkt."
"Im Vorstand des Konzerns wird viel über Zahlen
geredet, und ich habe schon oft gesagt: Wenn wir nichts anderes
zu besprechen haben, dann bleiben uns bald nur noch die Zahlen,
und die genügen nicht."
Als Paakkanen Marimekko kaufte
Das Leben trägt, sagt man in Finnland. Kirsti Paakkanen
sagt: "Finnland trägt Marimekko." Ohne die
geistige und wirtschaftliche Unterstützung, die der Firma
im Laufe der Jahre zuteil wurde, gäbe es sie heute nicht.
Umgekehrt kann man aber auch sagen, dass Marimekko Finnland
trägt. "Finnland steht für mich an erster Stelle.
Ich bin diesem Land so mit Leib und Seele verbunden, dass
am Finnentum bei Marimekko nicht gerüttelt wird",
sagt Kirsti Paakkanen mit Bestimmtheit. Ein gewisser Teil
der Produktion musste ins Ausland verlagert werden, aber,
wie die Chefin das abhakt: "nur ein wirklich kleiner
Teil."
Sie meint, ohne Marimekko wäre die Welt unsäglich
öde. "Alles, was vom Herzen kommt, entzündet
Herzen", sagt sie frei nach Sokrates.
Als Frau Paakkanen Marimekko kaufte, wurde Finnland von einem
momentanen nationalen Rausch ergriffen. Sie erinnert sich
noch jenes Mannes, der nach Bekanntgabe der Übernahme
bei ihr anrief und sich telefonisch an ihrer Schulter ausweinen
wollte - vor Freude. Ihm war, als hätte Finnland das
im Krieg an Russland verlorene Karelien zurückbekommen.
Im Umgang mit Menschen ist Kirsti Paakkanen entspannt, freundlich,
gerecht. Und vielleicht eben deshalb findet man leicht Zugang
zu ihr. Ein Penner auf der Straße, der die Marimekko-Chefin
erkannte, rief ihr zu: "Du bist schon ein tolles Weib,
Paakkanen!" Sie darauf: "Danke für das Kompliment,
welche Damenzeitschrift liest Du denn, dass Du da so gut informiert
bist?"
Es gibt nur ein Marimekko
Die Gefühle sind der größte Naturreichtum
den wir haben, meint Kirsti Paakkanen. Die Aufgabe, die sich
Marimekko gestellt hat, ist, niemanden kalt zu lassen, im
Gegenteil, Gefühle zu erwecken.
"Auf Marimekko ist man stolz, da fühlt man sich
mitengagiert. Marimekko ist einfach ein Symbol des finnischen
Wesens. Gäbe es Marimekko nicht, fehlte ein Teil der
finnischen Identität."
"Marimekko gibt es nur einmal. Wir erheben uns über
niemanden hinaus, wir sind wie ein Freund und Kumpel - und
einen Kumpel lässt man nicht im Stich."
Foto: Die erste gemeinsame Produktfamilie von Marimekko
und Iittala kam im Frühjahr 2003 in den Handel. Das Sortiment
umfasst Artikel von der Schürze bis hin zu Haushaltsgeschirr.
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