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Textilindustrie und Design:
Alvar Aaltos Wohnhaus - eine Attraktion
AALTO-BEWEGUNG BEGEISTERT NACH WIE VOR
Alvar Aalto (1898-1976), weltweit als Architekt und Designer
des modernen Stils bekannt, bringt das Blut immer noch zum
Wallen. Manchen ist er in seiner Zeitlosigkeit sogar heute
noch zu modern. Das Interesse an Aalto ist gegenwärtig
vielleicht größer denn je, davon zeugen die über
50 Möbel- und Leuchten-Modelle des Meisters, die noch
oder wieder im Handel zu haben sind, aber auch der Besucherstrom
in seinem in den 30er Jahren in der Riihitie errichteten Wohn-
und Bürohaus. In den Sommermonaten sind übrigens
99 Prozent dieser Besucher Ausländer.
"Das große Interesse an Aaltos eigenem Heim und
Atelier war für uns eine Überraschung, es kamen
und kommen mehr Besucher als wir ursprünglich zu hoffen
wagten, bekennt Markku Lahti, der Leiter der Alvar-Aalto-Stiftung.
"Jahr für Jahr sind es 5000 bis 10 000. Pro Tag
können wir etwa 100 Personen in kleinen Gruppen empfangen."
Wie das Gästebuch ausweist, sind die meisten Interessenten
Ausländer - aus Spanien, Italien, Japan, Portugal, den
südamerikanischen Ländern und Dänemark. "Über
Alvar Aalto sind in den letzten Jahren mehrere Bücher
auf Spanisch erschienen, und das mag die gegenwärtige
Aalto-Welle in den Mittelmeer- und spanischsprachigen Ländern
zumindest teilweise erklären. Auch überall in der
Welt organisierte Aalto-Ausstellungen haben wohl zu der Begeisterung
beigetragen", vermutet Markku Lahti.
Das 283 m2 große Wohn- und Bürohaus war das erste
in Helsinki verwirklichte Bauwerk des Meisters, das er mit
seiner Frau Aino, zwei Kindern und dem Personal ab Sommer
1936 bewohnte. Im Parterre befinden sich Wohnzimmer, Küche,
Esszimmer und ein mit Galerie versehenes Büro, wo zur
Spitzenzeit über ein Dutzend Angestellte planten und
zeichneten. Das Obergeschoss mit Balkon beherbergt vier Schlafräume
und ein zweites Wohnzimmer.
Aino Aalto starb 1949, und als Alvar Aalto sich 1952 wieder
verheiratete, zog mit der Architektin Elsa (Elissa) Mäkiniemi
eine neue Herrin ein. Nach dem Verscheiden ihres Mannes 1976
bewohnte Elissa bis zu ihrem Tode 1994 das Haus allein. Das
Gebäude blieb bis 1998 im Eigentum der Erben und wurde
im besagten Jahr von der Alvar-Aalto-Stiftung erworben, die
es nach einer gründlichen Renovierung der Öffentlichkeit
zugänglich machte.
Blick in die Vergangenheit
Trotz der Renovierung gewinnt der Besucher des Hauses den
Eindruck, die Zeit stehe still. Alle Möbel und Gegenstände
sind wie früher: Aaltos in den 20er Jahren angeschaffter
Lieblingssessel, der schwarze Flügel mit den Fotos darauf,
der Zierat auf dem Kaminsims, die Blumenkästen unter
dem Fenster, die Zeichnungen auf den Reißbrettern
Die Aaltos waren passionierte Raucher, davon zeugt der aus
Metall gefertigte Rauchtisch im Wohnzimmer. "Wir haben
nach Möglichkeit alles so gelassen wie es war, nur der
Tabakqualm fehlt", meint Markku Lahti lachend.
Das Haus strahlt Heimeligkeit, Gemütlichkeit aus. Das
Heim, so Aalto, darf keine Möbelausstellung, sondern
soll ein von traditionsgebundener Kontinuität geprägter
Zufluchtsort sein. Das Heim der Aaltos änderte sich im
Wandel der Zeiten und Bewohner, und das Leben durfte darin
seine Spuren hinterlassen.
Das beherrschende Element das Esszimmers ist die durch Holzleisten
gegliederte, aus dunkelbraunem Moleskin gearbeitete Verkleidung
der Stirnwand. Die Möblierung wurde im Laufe der Jahre
ausgewechselt; am längsten haben sich die auf der Hochzeitsreise
1924 in Venedig erstandenen Stühle gehalten, die sich
in der sonst eher prosaischen Umgebung geradezu überschwänglich
dekorativ ausnehmen. Fast alle anderen Einrichtungen und Gegenstände
der Wohnung sind Eigenentwürfe der Aaltos: Kamine, Sofagarnitur,
Sessel, Tische, Gläser, Vasen, Leuchten
Licht und Schatten - Sommer und Winter
Alvar Aalto gehörte zu den Wegbereitern der modernen
Architektur. Während seines Studiums herrschte in Finnland
die nationalromantische Stilrichtung, die Impulse vom Jugendstil,
von der Art Noveau und der Art-and-graft-Bewegung übernahm.
Der junge Aalto begeisterte sich nicht für die Nationalromantik,
sondern ließ sich gleich seinen Altersgenossen von der
Architektur der Mittelmeerländer inspirieren.
Nach seinem Hochschulabschluss 1921 machte sich der junge
Architekt die gewonnenen Anregungen rasch zu Eigen, auch den
internationalen Modernismus, in Finnland besser als Funktionalismus
bekannt. Seine früh einsetzende Kritik am Funktionalismus
zeigte, dass ihm die Mechanisierung dieses Stils und sein
Unvermögen, eine menschennahe Wohnkultur zu schaffen,
nicht entgangen war. Innerhalb kurzer Zeit entwickelte Aalto
eine eigene Interpretation des Funktionalismus und verknüpfte
aus alten Kulturen übernommene und der finnischen Tradition
entsprungene Impulse mit neuen Erkenntnissen der Naturwissenschaften,
der Psychologie, Ästhetik und Technik.
"Aalto hatte immer mehrere Eisen im Feuer", sagt
Markku Lahti.
Aalto entwickelte bald eine für ihn charakteristische
architektonische Handschrift, in der Natur, Klima und Licht
eine wesentliche Rolle spielten. Oft unterstrich Aalto auch
die Bedeutung der Biologie: Der Mensch im Norden verbringt
mehr Zeit in Gebäuden als im Freien. Dennoch ist der
Mensch ein Teil der Natur und benötigt zum Leben naturähnlichen
psychophysischen Raum. Aalto löste dieses Problem durch
sanftere Gestaltung des Übergangs zwischen Innen und
Außen. Der Einzug der Natur ins Gebäude manifestierte
sich u.a. im Einpassen der Räume in wechselnde Niveaus
und der Ausnutzung des natürlichen Lichts.
"Aalto plante von innen nach außen. Seine Gebäude
sind zur Straße hin mitunter ausgesprochen bescheiden,
ja sogar geschlossen, öffnen sich aber umso ausladender
zum Innenhof hin. Aalto war ein Mensch der Gegensätze:
In seinen Entwürfen sind Licht und Schatten, sind Sommer
und Winter vereint", charakterisiert Markku Lahti.
Für die Finnen ist Aalto ein "Problem"
Aalto entwickelte und verwirklichte eine erstaunliche Zahl
von Plänen. Man sagt, dass sich sein Genie auf eine pragmatische
und rationalistische Basis stützte. Hatte er die für
das Funktionieren eines Gebäudes wesentlichen Faktoren
und die damit verbundene Ideologie einmal geschaffen und im
Griff, dann konnte er das gleiche Konzept auch anderen Entwürfen
zu Grunde legen, selbst wenn Form und Material der Gebäude
beträchtlich von den ursprünglichen abwichen. Diese
Fähigkeit wird in fast allen seiner Werke sichtbar, ganz
gleich ob es sich um Stühle, Glaswände, Kirchen,
Bibliotheken, Bebauungspläne oder Stadtzentren handelt.
Sein eigenes Haus gilt als Inkarnation seiner Vorstellungen
vom Heim, in dem all jene Ideen auf den Punkt gebracht sind,
die er später auch in anderen Privathäusern verwirklicht
hat.
Aaltos Haus in der Riihitie mit seinen zwei Etagen wirkt
in seiner ganzen Erscheinung schlicht-stilvoll, beruhigend,
interessant und frappierend modern. Es vermittelt auf einen
Blick das breite Spektrum der Kreativität, über
das der Meister sowohl als Architekt wie auch als Designer
gebot. Seine Möbel und sonstigen Einrichtungsgegenstände
sind so gestaltet, dass sie mit dem Raum eine harmonische
architektonische Einheit bilden.
"Die von Aalto in den 1930er Jahren gestalteten Möbel
verblüffen immer wieder in ihrer Modernität. Manche
sind der Meinung, zum Beispiel die von Aalto gestylten Leuchten
seien auch heute noch zu modern", weiß Markku Lahti
zu berichten.
Der Einfluss Aaltos auf die finnische Architektur und die
Gestaltung überhaupt sei immensurabel, meint Markku Lahti.
Jeder Planer, jeder Architekt schöpft aus Vergangenem,
schöpft aus den Trends, erhält Inspirationen von
Kollegen. "Man kann sagen, Aalto sei für die Finnen
eine Art positives Problem. Ebene weil Aalto so berühmt
ist, ist es für den heutigen Architekten das Schlimmste
zu hören, seine Arbeit erinnere an Aalto", sagt
Lahti fein lächelnd.
Die Tradition des Designers lebt fort
Die revolutionären Formen der Aalto´schen Möbel
basierten auf technischen Erfindungen, die das Biegen und
Laminieren von Birkenholz ermöglichten. Im Möbel-Design
betrachtete Aalto das so genannte L-Bein als seine bedeutendste
Leistung. Durch genial einfaches Zurechtbiegen von Holz erhielt
man im Endergebnis ein vielseitig verwendbares, stabiles Sitzmöbel-
und Tischbein.
Später variierte Aalto die Beinform und auch den Stil
seiner Möbel. Zum L-Beim kamen das grazile Y-Bein und
das fächerförmige X-Bein, und diese Stuhlbeine bilden
die Grundmoduln für eine ganze Reihe von Schemel-, Stuhl-
und Tischmodellen. Mit der Erfahrung und dem Blick des Architekten
schuf Aalto schließlich eine komplette Möbelfamilie.
Im gleichen Jahr - 1935 -, in dem Aalto das Grundstück
in der Riihitie erwarb, wurde auch die Firma Artek zur internationalen
Vermarktung seiner Möbel und sonstigen Gegenstände
und zur Innenausstattung seiner Gebäude gegründet.
Die erste große Alvar-Aalto-Ausstellung fand 1938 im
Museum für Moderne Kunst in New York statt und festigte
seinen Ruf als bedeutender Designer und Architekt.
Die mit der Alvar-Aalto-Stiftung kooperierende Firma Artek
produziert weiterhin über fünfzig Möbel- und
Leuchtenmodelle des Meisters. Berücksichtigt man die
verschiedenen Variationen, kommt man auf Hunderte von Artikeln.
Alvar Aalto ist nach wie vor in vielgestaltiger Weise sowohl
in öffentlichen Gebäuden - Büros, Schulen,
Museen, Hotels - wie auch in Privathäusern präsent.
Viele seiner in den 30er Jahren geschaffenen Möbel werden
weiterhin benutzt - ein Beweis ihrer Dauerhaftigkeit und ihres
stilvollen Alterns.
Aaltos Haus in der Riihitie ist Di-So 14-18 Uhr geöffnet.
Führungen jeweils zur vollen Stunde.

Foto: Das Wohn- und Ateliergebäude Alvar Aaltos in
Helsinki-Meilahti ist für Besucher geöffnet. Das
Interesse hat alle Erwartungen übertroffen. Foto: Maija
Holma / Alvar Aalto -museo.
Foto oben: Alvar Aalto bei ihrem Schreibtisch. Foto Eino
Mäkinen / Alvar Aalto archive, 1940s.
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